Kiffen in der Partnerschaft

Eins vorweg: Ich mag Mädchen, schätze Frauen bin pro Emanzipation aber contra Alice Schwarzer’s Version davon. Die folgenden Zeilen sind aus meiner männlichen Sicht geschrieben, nicht zu verallgemeinern und keineswegs abschätzig gemeint. 

Kiffen in der Partnerschaft, oder der Abstieg eines fröhlichen Kiffers

Meine letzte Beziehung sollte meine Rettung sein. Das Bewusstsein über meine Sucht war schon sehr ausgeprägt, aber es ging mir gut. Der Job lief gut, ich bin jede Woche locker 150 Kilometer Rad gefahren und es ging mir körperlich und emotional wunderbar. Süchtig war ich wohl, ja – aber das hat mich augenscheinlich nicht belastet. Ich hatte eine Hochphase in meinem Leben und ein toller Sommer lag hinter mir, als ich im Dezember die Einladung zu einem Winterurlaub bekam. Es waren noch Plätze in einem Haus in Triol frei, ich sagte zu, rief meinen besten Kumpel an und er brachte noch eine Freundin von ihm mit ins Spiel und wir belegten zu dritt die freien Betten.

Diese Freundin sollte später meine Freundin werden. Ich wusste wer sie war, aber wir kannten uns nicht wirklich. Meine Fresse hab ich gekifft in diesem Urlaub. Schon auf der A3 Richtung Süden haben wir in der Nacht der Anfahrt 3, 4 dicke Tüten weggedampft. Also mein Homie und ich, sie ist Vegetarierin und Nichtraucherin. Die ganze Woche hab ich abgekifft, als spielte ich die Hauptrolle in einem Rapvideo. In der Gondel, im Sessellift, auf die langsamen Mädchen wartend mitten auf der Piste, in der Aprés Ski Hütte und natürlich abends in der Sauna. In der Gruppe war ich schon immer als „der Kiffer“ bekannt. Für sie, nennen wir sie Felice B., war das wohl neu. Aber offensichtlich habe ich sie beeindruckt, wohl nicht mit der Menge Gras, die ich so wegheizen konnte, aber sicher mit der Art und Weise, wie ich diesen Lifestyle lebte. Ich habe mich nicht versteckt. Im Gegenteil, ich habe den Lebemann raushängen lassen, mich aufgeführt wie Snoop Dogg auf Promotour.

Wir waren eine Gruppe von 10 und ich hatte Spaß daran den Casper zu spielen. Morgens als erster aufzustehen, den ersten Joint auf dem Klo beim kacken zu rauchen und danach Kaffee für die nichtkiffenden Schlafmützen zu kochen und Stimmung zu machen. Das hat ihr gefallen. Ich war locker und wirkte selbstbewusst. „Frauen stehen auf Arschlöcher!“ – Das ist ja die allgemeine These und wie immer bei solchen Weisheiten steckt, meines Erachtens, auch hier ein Funken Wahrheit drin. Ein Arschloch war ich nicht. Aber ich habe in dieser Woche kein Interesse signalisiert, ich wusste auch noch gar nicht, das ich welches habe. Hinter „Arschloch“ steckt eher das grundlegende Desinteresse an der Meinung aller und speziell der Meinung der Frau. Es kommt einfach nicht gut an sein Verlangen, seine Sehnsucht nach Liebe, Schüchternheit und vor allem Schwäche offen vor sich her zu tragen. Männlichkeit ist Härte, und Gleichgültigkeit, und Alphatiergehabe.

Ein zweiter Einschub zwischendurch: ich fange jetzt nicht an meine Version davon rauszuhauen, wie man am Besten eine Frau für sich gewinnt. Ich denke nicht, dass es dafür ein Patentrezept gibt. (An dieser Stelle ein Hallo an alle, die über http://www.der-anna-code.com hier landen. Irgendwie landen täglich ein paar, ich tippe, Jungs von dieser Seite auf diesem Blog. Schön, auch wenn ich nicht weiß, wie und wieseo. Aber willkommen!) Ich war nie der Typ, der Mädchen des Aufreissens willen anspricht. Ich suchte immer eine Partnerin, die zu mir und meinem Leben passt. Trotzdem habe ich meine Erfahrungen gemacht und verstehe, dass es Do’s und Don’ts gibt. Weiter im Programm.

Ich war nicht schüchtern auf dieser Reise. Ich war der beste Skifahrer der Gruppe und ich habe den Ansager gespielt, wenn die Gruppe sich nicht auf eine Richtung einigen konnte. Easypeasy. Nur deshalb hat Felice mich als potenziellen Partner gesehen. Ich habe nicht mit ihr geflirtet. Als sie abends auf einer Party mit einem Spanier knutschte, der sich mit seinen Freunden unserer Runde anschloss, habe ich ihr nachgesehen, um zu prüfen ob er cool ist. Beide knutschten und er war ein Gentleman. Für mich war die Sache damit auch cool. Und wir feierten alle zusammen. Vielleicht habe ich sogar auch mit einem der Spanier geknutscht. Ein wilder Abend. Ein wilder Urlaub. Auf dem Weg in die Heimat haben die beiden mich auf halbem Weg in meiner Exilheimat rausgelassen und ich sagte ihr einen Satz, der alles anschieben sollte. „Dein Lächeln wird mir fehlen.“ Das war ehrlich und ernst gemeint. Ernster als ich zu diesem Zeitpunkt begreifen konnte.

Wir waren unterschiedliche Menschen und trotzdem begannen wir uns zu treffen und wurden schließlich ein Paar. Getrennt durch einige Hundert Kilometer Autobahn. Und plötzlich war ich nicht mehr Alphamann. Nach vielen Jahren des Singleseins fühlte ich Geborgenheit. Das erste Mal so richtig. Ich ließ meine Fassade bröcken und mich in die Beziehung fallen. Es begann damit, dass ich ihre Sorgen und Ängste annahm und dagegenwirkte. Sie sollte bei mir keine Sorge haben, betrogen zu werden. All die Dinge, die ihr in der Vergangenheit widerfuhren versuchte ich zu korrigieren. Doch auf der anderen Seite legte ich, überwältigt von den Gefühl der Zweisamkeit, all meine Sorgen und Ängste offen. Ich weinte unfassbar viel, schon in der ersten Monaten. Nicht weil wir uns stritten, oder weil ich Angst hatte verlassen zu werden, sondern weil ich bemerkte, dass ich alleine zwar gut funktionierte aber lange kein kompletter Mann/Mensch war. Der Sex war merkwürdig. Und ich benahm mich merkwürdig. Schnell driftete ich vom Alphatier in die Rolle des Teenager-Mädchens in der Beziehung. Ich genoss es mit dem Kopf auf ihrem Schoß zu liegen und ich war es, der nachts einen Hand halten wollte. Ich hatte Zweisamkeit sehr vermisst und für mich war diese Partnerschaft eine Art Rettung in letzter Not. Eine Not, von der ich bis dahin gar nicht wusste, dass sie existierte.

Sie gab mir Kraft und redete mir gut zu. Doch der Wechsel von stark zu schwach war für Felice sicher nicht einfach zu begreifen und letztendlich war es natürlich der Grund, dass sie mich für einen stabileren, älteren, anderen Mann verließ. Watt ’ne Bitch. 

Plötzlich war ich nicht mehr der lockere, fröhliche Kiffer, der zum Bier halt noch einen Dübel dreht. Ich war ein Kiffer, der sich hinter dem High versteckt. Der mit dem Nebel des Rausches seine inneren Brüche verdeckt. Das war mir damals natürlich nicht bewusst. Heute ist das klar für mich. Sie lernte mein inneres Ich kennen, einen kleinen Jungen, der noch etliche Baustellen in seinem Köpfchen zu lösen hatte. Und sie lernte das quasi live und parallel mit mir selbst kennen. Ich war selbst überrascht von dieser Kleinheit, in die es mich warf. Ich kann sie heute verstehen. Ich war ein Häufchen Elend. Nach der Trennung bin ich erst richtig zusammengebrochen. Ich wollte viele Jahre eine Freundin haben und ich dachte diese Beziehung könnte meinem Leben eine neue Richtung geben. Letztendlich ist das auch so passiert – allerdings auf eine andere Art, als ich das damals erwartete.

Das Kiffen war nicht das Problem in unserer Partnerschaft. Es war mein Schutzwall. Und nicht die Abstinenz hat ihn aufgebrochen, sondern die emotionale Bindung zu ihr. Aber es gab sie trotzdem, die Situationen in denen sie das klassische Mädchen raushingen ließ. Wenn ich im Sommer mit den Jungs in der Stadt war und nachts völlig hacke und megastoned in die (mittlerweile) gemeinsame Wohnung kam und sie dann ihre Standpauke raushaute, mir ein schlechtes Gewissen machte. Völlig Unnötig dieses Mamagetue. Wofür, dass ich Spaß hatte? Die Beziehung war furchtbar anstrengend für mich. Ich hatte mich nie so intensiv mit meinem Inneren beschäftigt und da kann so ein Abend mit den Jungs und ein paar konischen Seelenkleistern helfen, die Sorgen vertreiben. Mädchen machen das gern – Jungs ein schlechtes Gewissen einzutrichtern dafür, dass sie Jungskram machen. Wie Mütter halt: warum spielst du schon wieder Playstation? Musst du schon wieder mit den Jungs saufen gehen? Jeden Samstag diese Bundesliga! Muss das sein? – Halt die Goschen und fahr halt mal samstags nachmittags alleine in die Stadt, um Schuhe zu kaufen! Jungs und Mädchen – das hat noch nie funktioniert. Und trotzdem macht es Sinn.

So in etwa ist das gelaufen: meine Verwandlung vom Happykiffer zum deprimierten, grasvernichtenden Einsiedler. Nach der Trennung habe ich noch ein halbes Jahr weitergekifft, mich zurückgezogen und wurde noch kleiner, als ich es eh schon war. Aber es fühlte sich anders an. Ich merkte plötzlich, dass ich rauchte, um zu verdrängen. Die lustigen Tüten wurden zur Ausnahme. Früher waren die traurigen, nachdenklichen Tüten die Seltenheit. Mit meiner eigenen Verwandlung wandelte sich auch das und schließlich gelang mir der wichtige Schritt zum Ausstieg. Ich wollte wieder Erfolge einfahren, glücklich sein und an mir arbeiten und die Kifferei behinderte mich dabei. Ganz einfach diese Erkenntnis, aber sie musste eben aus mir selbst entspringen.

Sie hätte mir gerne das Kiffen verboten – aber Mädels – so einfach ist das nicht. Wenn der Junge ab und zu einen rollt oder auch ein Bier zuviel trinkt, dann ist das Verbot nicht zielführend. Es hat einen Grund, dass es so ist. Und wenn ihr ihm ein schlechtes Gewissen einredetet, weil er was Dummes macht, dann habt ihr nicht begriffen, wen ihr euch da angelacht habt. Jungs machen Dummheiten, dafür sind wir da. Ihr seid nicht so Weise, wie ihr immer tut. Nur selten könnt ihr selbst entscheiden, welche Schuhe ihr zu welchem Shirt anziehen sollt und wir müssen uns eine Antwort aus den Rippen leiern, jedes Mal wenn ihr uns fragt: Nimmst du mich so mit? 

Sie hatte auch Probleme und ich hoffe, dass sie ebenfalls reflektiert, was da zwischen uns gelaufen bin. Ich erinnere mich, dass ich zu Beginn der Beziehung einen Satz gesagt habe, der auch heute für der richtige Ansatz für eine Partnerschaft ist: „Ich möchte, dass wir beide, egal wie sich diese Sache zwischen entwickelt, jeweils stärker aus dieser Beziehung gehen, als wir eingetreten sind.“ Das war mir wichtig. Es gilt heute nicht mehr: „bis das der Tod euch scheidet“. Für meinen Teil kann ich heute sagen: ich bin stärker als vor ihr. Ich hoffe, dass gilt auch für sie. Danke Felice. Danke, dass du mir einen Arschtritt feinster Güte gegeben hast. Ich habe ihn gebraucht.

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10 Kommentare

    1. Hi Daniel, ja ich denke das habe ich. Ich werde sicherlich das Jahr Abstinenz NICHT mit einem Joint feiern. Ich denke ich werde erstmal noch ein weiteres Jahr dranhängen. Ich habe wirklich kein Verlangen mehr zu kiffen und will die wohlbekannte Breitheit momentan einfach nicht in meinem Leben haben.

      Ich schließe nicht aus, dass ich irgendwann mal wieder an einem Joint ziehe. Aber ich glaube bis dahin vergeht noch viel Zeit. Ich bin noch nicht so weit und es geht mir echt gut ohne.

      Wie sieht es denn bei dir aus?

      Gruß,
      Franzl

      1. Habe mir die Termine notiert, an denen ich seither gekifft habe: 08.11., 24.10., 08.10., 29.08.

  1. Lieber Franzl, liebe Mitstreiter,
    gefällt mir deine Geschichte – ich mag es immer, wenn jemand es schafft gut zu reflektieren. Und irgendwie kenne ich das auch, von der einen als auch von der anderen Seite. Ich habe mich gerne von wildem aber lockerem Partygetue beeindrucken lassen und mir gedacht: was fürn starker Typ um später ein kleines Wrack zu trösten. Und selbst kann ich auch ganz prima den ganzen Laden unterhalten und manch einer um mich herum glaubt, mich könnte nichts aus der Bahn werfen – was mich noch mehr angespornt hat, niemanden von meinen vielen dunklen Stunden wissen zu lassen.
    Als ich etwas überraschend Mutter wurde, brach das ganze Schmierentheater irgendwie zusammen – ich konnte und wollte es nicht mehr aufrechterhalten und die Dunkelheit, die ich bis dahin super secret privat ausgelebt hatte, drängte sich unweigerlich in meinen Alltag. Auch für mich wurde dann offensichtlich, dass ich ordentlich was verdränge und dazu das Gras nutze.
    Ich finds cool, dass du dich bei Felice bedankst, denn hey – es kommt mir immer öfter so vor, dass die anderen an uns unser Schicksal verwirklichen. Sie zeigen uns nicht was sie sind, sondern nur was wir sind. Und Dankbarkeit ist ein guter Weg, das Ganze für uns nutzbar zu machen.
    Ich bin in der 12. Woche kifffrei, habe aber genau genommen erst elfeinhalb hinter mir. Es fehlt mir manchmal, aber dann erinnere ich mich daran, dass wenn ich jetzt kiffen würde, es vielleicht für eine Stunde gut wäre und dann würde ich wieder merken, dass mir immer noch was fehlt und das Gras das leider nicht befriedigt. Und dann rauch ich noch einen und trink noch ne Flasche Wein, bis mir schlecht ist und ich keinen Raum mehr habe um zu merken, dass mir was fehlt. Das kommt dann am nächsten Tag mit voller Wucht.
    Also guck ich gleich, ob ich ne Alternative aufbauen kann. Manchmal hilft schon drei Minuten Trampolin springen – oder hier rumlesen.

    Also vielen Dank für deine Mitteilsamkeit.

    Liebe Grüße Trine

  2. Lieber Franzl,

    es ist zwar schon ein paar Monate her, aber ich reihe mich trotzdem noch in den Bund der Kommentarschreiberlinge ein.

    Hat mich sehr berührt, dein Artikel. In vielen deiner Artikel erkenne ich mich und mein Konsummuster wieder. Ich stehe da, wo du am Anfang standest. Kurz nach einer Trennung, die sehr schmerzhaft war. Es ist so ähnlich verlaufen. Ich war stark am Anfang, voller Tatendrang, habe scheinbar vor Selbstbewusstsein gestrotzt und so Aufmerksamkeit erregt. Nach ein paar Wochen habe ich mich nach und nach fallen lassen, immer mehr gezeigt, welche inneren Zerwürfnisse mich begleiten, welchen Selbstzweifeln ich unterliege und dass ich tief in mir drin immernoch ein kleines hilfloses Mädchen bin manchmal, was sich danach sehnt, gestreichelt zu werden. Obwohl ich früh selbstständig sein musste und dadurch vieles kann. Eigentlich brauch ich nicht unbedingt einen Mann an meiner Seite. Aber dieser sensible, einfühlsame Mensch hat mich extrem berührt.

    Mir gehts da genau andersrum, als du das beschreibst. Mir fallen eher die ruhigeren, sensibleren auf. Die Platzhirsche versuche ich weitgehend aus meinem Fokus auszublenden. Er hat wohl aber eher nach einer Frau gesucht, die ihm den Weg weist, die sagt, wo’s langgeht. Auch ich bin (inzwischen) dankbar für die Zeit und auch dafür, dass er sich getrennt hat. Ich habe aufgehört, ihn zu idealisieren, er hat auch Seiten, die nicht förderlich für meine Ziele im Leben waren (allen voran nicht mehr zu kiffen), aber dennoch habe ich es nie geschafft, ernsthaft sauer auf ihn zu sein.

    Ich bin dankbar, dass ich einen so tollen Menschen kennenlernen durfte und ich bin dankbar, dass ich durch ihn erfahren habe, was ich brauche und worauf ich verzichten kann – auf einen Platzhirsch an meiner Seite beispielsweise 😉

    Jetzt wird es Zeit, endlich mein Konsummuster zu durchbrechen, jetzt bin ich bereit und stark genug für den Ausstieg – aus der Cannabis- und auch der Nikotinsucht. Ich will nicht mehr verdrängen, will aufarbeiten, alles zulassen was da so hochkommt in mir. Und dein Blog ist eine super Motivation. DANKE dafür!

    Luc

    1. Hi Luc, ich bin grad erst auf deinen Kommentar gestoßen. Ich drücke auch dir ganz fest die Daumen. Danke für deine Worte und viel Erfolg für deinen Weg. Manchmal pauschalisiere ich ein bisschen und mir ist klar, dass ich damit nicht jeder Situation gerecht werde, aber ich glaube, du hast das richtig eingeordnet. Mich würde deine Position sehr interessieren und hoffe du gibst mir/uns bald mal ein Update. Lieber Gruß, Franzl.

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