Härteprüfung bestanden.

Heute morgen. 01:30 Uhr. Etwa. Jungs, es ist nur noch ein halbes Gramm übrig. Hotbox. Jetzt. Und so verzogen sich 9 von 10 Ü30-Dudes in ein 3qm Hausboot, verriegelten alle Fenster und kifften zwei gute Tüten. Gelächter. Bob Marley (was auch sonst) aus der Boombox. Kommando Sauna.Schooties und Beleidungen. Männer werden nicht älter als 5.

Ich verzog mich mit Wein auf diesen Baumstamm. Es war meine härteste Prüfung. Ich war allein. Wir sind alle erwachsen. Ich wurde dieses WE oft beleidigt. Für meine Standhaftigkeit applaudierten mir die Jungs aber am nächsten morgen. Ich wollte stark bleiben und habe es geschafft. Aber in dieser Runde war das hart. Lehrer, Banker, Sportler, Väter und Ehemänner haben eine gute Zeit auf dem See. Und sie kiffen zusammen. Lachen, machen Faxen und springen anschließend nackt in den See. Leben halt. Spaß. Sorglosigkeit. Das Gegenteil von Alltag.

Fuck. Vielleicht habe ich in zehn Jahren diese Chance auf Sorglosigkeit pulverisiert. Ich habe nicht gekifft. Und ich hatte Spaß. Ebenso viel wie die anderen 9. Aber ich war kurz unfrei. Ja. Ich war und bin süchtig. Sie sind es nicht. Das ist auch eine Erkenntnis.

Ich hoffe ihr hattet alle ein ähnlich schönes und heißes Sommerwochende. Fühl Euch gedrückt, Euer Franzl.

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13 Kommentare

  1. Wirklich ein dickes „auf-die-schulter-Klopfen“ … Die Erkenntnis, dass die Sucht nicht Weg ist, nur weil Du nicht mehr kiffst, ist doch vielleicht viel mehr wert als eine Stunde in der Hotbox… Ich finde es grandios, dass Du standhaft geblieben bist, das ist eine famose Leistung ….

  2. Glückwunsch, Franzl. Das ist bestimmt nicht leicht gewesen, kann ich mir vorstellen. Man verbindet mit dem Kiffen eben auch schöne Erinnerungen und Gefühle. Passt ja auch super, die von dir beschriebene Szene. Also wenn für irgendwas die Kifferei erfunden wurde, ja wohl dann dafür.

    Ich hab’s ja neulich nicht mal für mich alleine geschafft, zu widerstehen.Bin jetzt wieder bei zwei Wochen clean heute, was ärgere ich mich über den Rückfall. Egal, Nein sagen, so ist es. Alles Gute und Liebe.

    1. Es war eine wirkliche Härteprüfung. Aber ich habe nicht gezuckt. Ich hätte gerne mitgemacht, aber mehr für das Gelächter, als für die Kifferei. Nicht zu kiffen war recht einfach. Nich dabei zu sein war schwieriger. Naja, es waren zwanzig Minuten eines ganzen Wochenendes.

      Die restlichen Joints, die so rumgingen hab ich kaum mitbekommen. Ich habe wieder einen Guten Schritt gemacht. Weiter geht’s.

  3. Hallo Franzl,

    Ich möchte dir einmal meine Geschichte erzählen. Nach einem halben Jahr, dass wir uns jetzt kennen, ist das fair und wäre angebracht. Ich habe mit 15 Jahren begonnen zu kiffen, obwohl ich jedem erzähle, dass ich schon 16 gewesen wäre, weil ich bisher annahm, dass das nicht so schlimm klingt. Über 10 Jahre sind seitdem vergangen. Anfangs war ich fasziniert vom kreativen Potential, dass ich glaubte daraus gewinnen zu können. Aber die Sucht hat meinen Eifer begraben. Konkret spreche ich von der Zeit um den Sommer, Herbst 2001. Damals waren folgende Dinge für mich prägend: Der Film Lammbock, die Sendung TV Total und der damit einhergehende Hype um Afromans – Because I Got High, der Quotenfight zwischen Ulmen auf MTV und dem durchgeknallten Ruf auf Viva 2. („Beine aufsägen, Jahresringe zählen“ – Gruß an Jan Böhmermann)
    Zusammen mit Tillmann Otto-Fans war es als Teenager, als wäre man Teil einer neuen Bewegung gewesen, welche ein Subkultur unter Jugendlichen dargestellt hat, die nicht zwingend illegal gewesen sein musste – denn es waren in keinem Freundeskreis vermeintliche Verbrecher. Diese Kifferkultur fand aber nur wenige Monate, vielleicht Jahre um mich herum statt. Spätestens als ich 17, 18 wurde „blieben die Leute nicht dabei“. Goa-Parties, Shrooms, diese Leute auf der einen Seite – Pille Palle, alles Pralle, Kalkbrenner auf der Anderen – und ich hörte HipHop und DnB aus den späten 90ern, Beginn der 00er Jahre um mich dadurch vermeintlich zu differenzieren. Das war ein Trugschluss, denn es ist war Verdrängen. Dieses Beispiel aus der Musik lässt sich bei mir auf das Ganja ummünzen. Die Abhängigkeit nach dem Cannabis ist vielleicht keine Sucht per definitionem, aber aber ein schleichender Prozess der Verdrängung. Damit meine ich auch die Verdrängung von Problemen, aber auch die Verdrängung der Realität. Wie einer deiner Leser, habe auch ich „zum Schluss“ nur mehr vaporisiert. Der tägliche Konsum, der für mich mittlerweile unvorstellbar scheint, war zweitrangig. Wichtig war ja, dass es „gesund“ inhaliert wurde. Das war das Kranke, und zum Zeitpunkt paradox.
    Lass mich noch eines sagen: Von dem Gedanken es nie wieder tun zu wollen, verabschiede ich mich noch nicht. Denn temptations, wie du sie geschildert hast kommen mir sehr bekannt vor. Es wird nicht aus bleiben, aber dann kommt es darauf an, nicht wie ein Hirni-Amerikaner auf reddit.com/r/leaves einen auf „ZOMFG Day 0 again – need some help now“ zu machen.
    Aber vielleicht liege ich falsch und es ist Sucht. Wie WIlli Herren, sag ich immer: „Jetzt nicht.“

    1. Danke für die Offenheit. Ich weiß das ehrlich zu schätzen. Ich hab mich selbst irgendwie immer vor diesen Szenen gedrückt. Raggea z.B. war nie mein Ding. Hiphop schon eher, aber ohne Baggies.

      Verdrängung ist ein gutes Stichwort. Das habe ich bei mir gesehen. Ich habe einige Dinge/Sorgen/Probleme einfach ignoriert. Abends einfach einen, oder auch mal fünf Joints gebastelt und dann war das Zeug wieder ein paar Tage, manchmal Wochen, vom Tisch.

      Jetzt verschiebe ich nicht mehr. Die Dinge sind in meinem Kopf, bis ich sie bearbeitet hab. Und danach fühle ich mich ein bisschen freier. Immer ein Stück mehr.

      Auch wenn ich mich nach jeder überstandenen Versuchung ein bisschen sicherer fühle, habe ich Angst sehr schnell wieder dem antrainierten Muster zu erliegen. Ich bin noch nicht so weit. Vielleicht werde ich es nie sein. Das wird sich zeigen.

      Eines hat mir das vergangene WE jedoch deutlich gezeigt. Ich bin wieder ein bisschen lockerer geworden. Ich habe mal gesagt, dass ich immer von Joint zu Joint gelebt. Das bedeutete auch, dass ich mich immer nach dem ruhigen Joint allein auf der Couch gesehnt. Ich konnte keine Aktivität richtig genießen. Das habe ich auf der Rückfahrt im Zug bemerkt, als ich Schafkopf spielen gelernt hab. Ich war völlig relaxed und habe auch diesen letzten Moment hundertprozentig genossen. Das war sonst anders.

      Sucht halt. Die Jungs kifften aus Spaß. Das habe ich verlernt. Ich weiß nicht, ob ich diesen Zustand nochmal erreichen kann. Es macht mich auch wehmütig und ich verstehe Deine Position dazu absolut. Aber ich vertraue mir noch nicht. Mein Ziel ist ein Jahr. Und ich bin mittlerweile stark genug, dass ich keine Angst vor einem Rückfall hab. Das Jahr werde ich schaffen. Was ich dann mache, entscheide ich der Reife, die ich bis dahin noch sammle. Wir werden sehen.

      Bleib aufmerksam. Verbote sind Scheiße. Wir sind freie Weltbürger. Und ich lebe nach dem Grundsatz, dass alles erlaubt ist, dass niemandem schadet. Aber wir beide sind Suchties. Extremer Konsum war für uns normal. Wir müssen gut aufpassen, dabei locker bleiben und dann wird sich unser Weg schon ergeben.

      Bleib sauber, Homie.

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