Kiffen gegen die Zeit.

Es ist schon komisch. Zehn Jahre habe ich gekifft. Jetzt bin ich raus aus der Sucht. Ich kämpfe noch, aber es ist schon längst kein harter Fight mehr – eher eine Schulhof-Rauferei, wenn überhaupt.

Wenn schon hart süchtig sein, dann doch am besten nach Gras. Diesen Spruch habe ich mich vor ein paar Tagen sagen hören. Dumm und wahr. Die Lebenserwartungen von Krokodil-Süchtigen liegt bei einem Jahr. Erst fault das Gehirn, dann der Arm ab und dann ist es aus. Rubbeldiekatz ist das Leben zu Ende. Ich lebe noch. Werde irgendwann, bald, Mitte 30 sein, und mich fragen, ob ich dann doch mal eine Familie gründen soll und dann wahrscheinlich auch eine Frau zur Braut machen. Noch beleidige ich die Jungs um mich herum, die Kinderwagen für einen Tausender kaufen und über einen VW Caddy diskutieren müssen.

Habe ich Zeit verloren, weil ich mich von Tag zu Tag kiffte? Oder bin ich am Ende der Gewinner, weil ich zehn Jahre meine Entwicklung verpafft (Entschuldigt mein Liffpeln) habe. Vielleicht bin ich nicht so richtig weitergekommen mit dem Erwachsenwerden, aber irgendwie hab ich die Zeit auch rumgekriegt, hab gelacht und gedacht und mich treiben lassen. Die Zeit ist vergangen, darauf hat eh niemand Einfluss. Hätte, hätte, Fahrradkette – ich doch ein paar Dinge noch dazwischengeschoben. Aber was soll es. Morgen. Dieses Wort ist jetzt ein Tag. Während meiner Kiffzeit hat es mich belastet, dieses Wort. Ich hatte Angst vor meiner eigenen Courage. Jetzt ist es eine Chance. Heute kann ich leben, flirten, saufen, ficken, lachen und zwischendurch auch arbeiten. Morgen kann ich was Neues probieren. 1000 mal kommt das Wort „Traurigkeit“ in meinen ersten Posts vor. Dieses Gefühl ist heute nicht mehr so schwer. Das Leben ist schön und es war schön und es wird schön. In jedem Fall wird es werden und vergehen. Ob ich das gut oder käcki finde, ist dem Leben egal. Und der Zeit sowieso.

Mir hat das Kiffen ohne Grenzen nicht gut getan. Ich bin abgedriftet in die Melancholie. Ich glaube das ist ein relativ verbreitetes Phänomen. Doch ich trage keine Trauer um diese Zeit. Ich war das, Franzl aka. „Erstmal einen drehen!“ Gelebt habe ich in dieser Zeit. Gelernt habe ich auch. Gediehen bin ich. Zu Franzl, der jetzt nicht mehr kiffen darf. Du darfst nicht über rote Ampeln fahren! – Ich geb‘ einen Shice auf Eure Vorschriften. Ich bin Franzl, der Outlaw. Ich will alles dürfen. Verbote stehen mir nicht. Aber auch diese Situation kann ich gut annehmen, heute – in der neuen Zeit. In der alten Zeit war ich bedrückt, tief im Inneren, ohne es wirklich empfinden zu können. Sorgen habe ich natürlich noch immer, aber ich bin nicht mehr bedrückt. Nicht kiffen tut mir gut.

Ich hab keine Zeit. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, wie dumm dieser Satz ist? Ich will ihn nicht mehr aussprechen. Eigentlich ist Zeit das Einzige, was wir wirklich haben/besitzen. Ich will Zeit verprassen, mit vollen Hände raushauen das Zeug.

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8 Kommentare

  1. Sehr schöner Text! Ich lese deine Blogposts immer wieder gerne und finde deinen Schreibstil sehr angenehm zu lesen. Hast du mal überlegt mehr zu schreiben? Was machst du beruflich?
    Gruß

    1. Hi, Danke für die Blumen. Ich mache „Irgendwas mit Medien“. Dort schreibe ich auch, allerdings mit anderem Fokus.

      Ich bin froh, dass ich hier einen Kanal gefunden habe, um schreiben zu können. Es ist ein Anfang. Irgendwas muss ich mit der neuen Zeit ja auch anfangen. Kiffen hat schon viel davon gefressen. Ich will mehr schreiben. Übung macht den Schuster. Oder wie ging das Sprichwort?

      Danke und
      Fette Grüße,
      Franzl

  2. Du bist ein ehrlicher, weiser Mann. Kommt mir vor. Das ist toll und ich freue mich für dich. Das hört sich mehr nach innerem Frieden an als zu Beginn. Ein bisschen egoistische Hoffnung begleitet dies, da bin ich ehrlich.
    Die Zeit ist eine naturwissenschaftliche Kategorisierung und hat nichts menschliches und gleichzeitig alles menschliche in sich. Das was wir besitzen ist relativ – ich war mal überzeugt davon, dass unser Geist das Einzige ist, das wir kontrollieren können – ob die Gedanken wirklich frei sind, bezweifle ich grad sehr. Aber das spielt wohl auch keine Rolle. Die Welt ist ein Paradoxon und manchmal eine Gratwanderung. Ich beneide dich ein wenig um deine Leichtigkeit und wünsche mir, in einer Zeit, in der ich berufs-und entwicklungsbezogen zwischen zwei Lebensphasen schwebe und mich meine Trennung einholt, die nicht allzu lang her ist, dass ich dir glaube und das Leben auch für mich wieder schön ist. La vita e bella – wie war das noch? Wir sind alle Wohlstandskinder und ich reise morgen nach Japan, family-technisch, für fast einen Monat – ich bin clean seit sechs Wochen nun, mein Herz ist gebrochen und ich empfinde noch nicht einmal Vorfreude. Und doch will ich glauben. Ich will nicht akzeptieren, dass Optimismus keine Fähigkeit ist, die Sinn schaffen kann. Ich werde das auch schaffen und ich will mir ein Beispiel nehmen an dir. Du bist ein weiser Mann. Und ich bin dir dankbar. Merci.

    1. Oh. Danke. Meine letzte Trennung und die Situation drum rum hat mich auseinandergewürfelt. Ich war fertig. Hoffnungslos. Und jetzt ist es wirklich leicht. Ich bin frei und glücklich. Ich fahre morgen ein paar Tage mit Freunden weg. Und ich freue mich, als wäre ich fünf auf dem Weg ins Phantasialand.

      Sechs Wochen sind gut. Und bald geht es aufwärts. Und dann halt dich gut fest, denn es wird toll. Viel Spaß in Japan. Iss viel Fisch für mich mit. Darum beneide ich Dich sehr. Bleib stark. Es wird sich lohnen.

      1. Danke dir. Ich werd das auch schaffen – Ermutigungen tun mir so gut. Ich werd an dich denken wenn ich dort bin. Viel Spaß auf deiner Reise !

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