Stoned auf der BAB.

Vier Monate kifffrei bin ich heute auf den Tag. Die letzte Woche habe ich hier kein Tagebuch geführt. Mein Status hat sich auch nicht verändert. Schlafen klappt ganz gut. Gedanken an einen Joint habe ich nach wie vor selten und die Stimmungsschwankungen halten sich in Grenzen.

Es ist Montag und ich trinke abwechselnd Kaffee und Red Bull. Das Wochenende war kurz und ich bin müde. Egal. Heute erzähle ich Euch eine kleine Geschichte, die Teil meines Abschiedes vom Dope war. Es war Ende letzen Jahres und ich folgte einer Hochzeitseinladung nach Bayern. 3 Stunden Autofahrt. Ohne mir wirklich etwas dabei zu denken, drehte ich mir zwei kleine Tüten vor und setze mich in meinen alten Automatik-Benz. Auf der Autobahn stellte ich den Tempomat auf 110 und zündete mir den ersten Spliff an und fuhr gemächlich auf der rechten Spur Richtung Süden. Es war schon dunkel, die Autobahn war leer und aus im Autoradio schwappte ein ruhiger Indie-Beat. Ich fahre gern Auto, achte das Rechtsfahrgebot und bin ein gelassener Verkehrsteilnehmer. Roadrage kenne ich nicht, eher wundere ich mich über den Hass, der täglich auf deutschen Straßen herrscht. Während der Fahrt zu kiffen war für mich in dieser Zeit nicht völlig Ordnung, aber irgendwie okay. So richtig stoned wurde ich ja eh nicht mehr. Heute sehe ich die ganze Angelegenheit etwas anders und habe mir geschworen mich nur noch völlig klar ins Auto zu setzen. Ich will dieses Verhalten hier auf keinen Fall verharmlosen, aber ich erzähle die folgenden Ereignisse so, wie sie sich zugetragen haben.

Geschmeidig glitt ich durch Hessen und zündete mir kurz vor der bayrischen Grenze den zweiten Joint an. Der Benz ist mit mehr 300 Tausend Kilometer auf der Uhr und trotz seinem stolzen Alter ein wunderbares Reisemobil. Ich rollte so dahin und hing meinen Gedanken nach. Es war bereits die dritte Hochzeit des Jahres und irgendwie beneidete ich die Jungs, um ihre soliden Partnerschaften und Lebenswandel. Sie heiraten, kaufen Häuser, machen süße Kinder und machen Pärchenurlaub, anstatt mit Rucksack und Oneway-Ticket nach Übersee zu fliegen. Während ich mal wieder ins Selbstmitleid abdriftete bemerkte ich plötzlich einen silbernen 5er im Rückspiegel. Oh shit, die fragen sich wohl grad, was der alte Benz mit dem NRW-Kennzeichen hier macht. Am nächsten Autobahnkreuz überholte der Fünfer mich schließlich und die roten Buchstaben wiesen mich an ihm zu folgen. Ich lüftete also nochmal kurz durch und sammelte mich ein wenig.

„Guten Abend, einmal Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte,“ begrüßte mich der bayrische Beamte in Zivil. „Servus, aber natürlich“, antwortete ich freundlich und gab ihm die Papiere. Ich erkundigte mich, warum die Beamten mich denn kontrollieren würden und deutete mit einem Verweis auf mein Outfit (Ordentliche Hose, weißes Hemd und Sakko am Haken im Fond) an, dass ich auf dem Weg zu einer Hochzeit war. Verrückterweise trug der Beamte den gleichen Nachnamen, wie der Bräutigam, verwandt waren die beiden jedoch nicht. Es ginge um eine Routinekontrolle und der Suche nach Drogen. Ob ich denn schon einmal in dieser Sache auffällig geworden sei, fragte er und logischerweise log ich ihn in nettem Ton an. Natürlich sagte ich auch, dass ich weder Drogen bei mir führen würde, noch in letzter Zeit welche konsumiert hätte.

Als kleiner Einschub zwischendurch: Lügen ist nicht strafbar. Ich kenne meine Rechte. Ich bin kein Fan der Polizei, hege aber auch kein Gräuel gegenüber Beamten. Sie sind Teil unseres Rechtsstaates und das ist auch gut so. Ich bin froh, dass ich in Deutschland geboren bin, denn ich genoss bislang gerne alle Privilegien, die unseren Staat ausmachen. Die Autobahnen sind gut, die Krankenversicherung exzellent und ich konnte nahezu kostenfrei studieren, obwohl ich aus einer Arbeiterfamilie komme. Aber das nur am Rande.

Ob ich denn einverstanden wäre ein paar Test zu durchlaufen, um meine Aussagen zu belegen. Aber Klar, Herr Kommissar. Die meisten von Euch kennen den Drill wahrscheinlich aus eigener Erfahrung. Erstmal Pupillencheck: Normale Reaktion. Keine Ahnung, ich hatte nie die typischen Klatschaugen. Als nächstes Augen zu, Finger auf die Nasenspitze. Easy. Auf einem Bein stehen. Ich bin sportlich und auch das war für mich keine unlösbare Aufgabe. Zwei, drei Meter Pisspott erledigte ich mit einem lächeln und freundlichem Smalltalk mit der Kollegin des Beamten. Jetzt kam was Neues: Bitte schließen Sie die Augen und schätzen Sie dreißig Sekunden ab. Augen zu und 21, 22, 23 … Als ich Stopp sagte, blickte die hübsche Blonde und ich auf ihr iPhone und was zeigte das Display. 30,34 Sekunden. Innerlich hob ich die Hand zum imaginären High-Five. Das Ding war gelaufen. Für die Bayern-Cops war klar: der Junge ist okay. Der ist nett und clean. So clean, wie Mutters Küche.

Dürfen wir uns denn in Ihrem Wagen einmal umsehen? Mir war klar, dass das nicht gut gehen würde, aber naja. Das gehört eben zu den Rechten der Polizei. Verneinen würde nur Stress bedeuten, also ließ ich den Beamten suchen. Es dauerte nicht einmal zwei Minuten, da fand er meinen Reisebeutel mit OCBs, Tipps und einem kleinen Döschen Weed. Was haben wir denn hier? Sie sagten doch, dass Sie keine Drogen mit sich führen würden. Immernoch freundlich sagte ich ihm, dass ich meine Rechte kennen würde und wir kamen überein, dass es okay sei davon gebrauch zu machen. Naja, das sei in Bayern nicht in Ordnung sagte er. Sprach von Strafanzeige und „Konfizage“. Ich erklärte ihm, dass ich beabsichtigte das ganze Wochenende in Bayern zu bleiben und es doch nicht gegen das Gesetz sei eine Party mit einem kleinen Joint zu beschließen.

Wir müssten dann jetzt zum Revier und die Anzeige zu Papier bringen. Ich solle den Beamten doch hinterherfahren. Ich konnte es nicht fassen. Ich fuhr den Beamten also hinterher. Die hübsche Blonde kümmerte sich um alles weitere. In Bayern wird man erkennungsdienstlich behandelt, wenn man mit Drogen erwischt wird. Also erstmal Fotos machen: zum Glück hatte ich einen Anzug an. Das müssen wohl die solidesten Fotos eines Gras-Konsumenten in der Geschichte Bayerns sein. Danach digitale Fingerabdrücke. Zum Glück benutzten die zu der Zeit schon keine Tinte mehr. Hätte die älteren Hochzeitsgäste sicher irritiert. Ich führe nebenbei ein sehr nettes Gespräch über die Gesetzeslage rund um Cannabis mit der Bayerin. Ich konnte nicht fassen, dass noch immer niemand meine Pisse oder auch nur meine klebrigen Fingerkuppen nach Gras untersuchen wollte. Ich versuchte also das Bild vom soliden Hochzeitsgast, der nur ein bisschen Kraut dabei hat, zu festigen und offenbar gelang mir das. Denn nachdem der Papierkram erledigt war, wünschten mir die Beamten, dass ich trotz dieser Eskapade die Feier genießen solle. Ich entschuldigte mich für den Papierkram, den ich Ihnen aufbrockte und durfte gehen, fahren, feiern. Unfassbares Glück.

Ich setze mich ins Auto, machte mir erst einmal eine Kippe an. Es war nicht das einzige Mal, dass ich ungeschoren davon gekommen bin. Aber zu der Zeit hatte sich in mir schon etwas verändert. Es war natürlich ein bisschen aufregend, ich hatte die Obrigkeit überlistet. Trotzdem, es musste sich was ändern. Ich konnte die Fete nicht richtig genießen. Es war eine tolle Party voller toller Menschen, die sich ehrlich mit und für ein tolles Paar freuten. Das tat ich auch, aber ich konnte nicht verdrängen, dass mein Leben zwar aufregend war, aber doch auch traurig. Ich war traurig. All die Spannung war doch unnötig. Ich trank ein halbes Helles mit den Jungs und stahl mich irgendwann gegen zwei Uhr morgens davon, um wieder heimzufahren. Mir wurden drei Couchen angeboten, ich habe ein angeregtes Gespräch mit der wunderschönen Portugiesin geführt, die ich immer nur auf Hochzeiten und anderen Events dieser Bayerntruppe sehe und dennoch fühlte ich mich beschissen.

Ich setzte mich also wieder in den Benz und fuhr die drei Stunden zurück. Das Gras hatten mir die Cops ja genommen und so hatte ich nichtmal Sorge, dass ich irgendwie illegal unterwegs war. Dabei war der letzte Joint ja erst sechs, sieben Stunden her. Ich hatte wahrscheinlich zehn Jahre ständig aktives THC im Blut. Zu Hause angekommen, dreht ich mir erstmal eine fette Tüte und legte mich mit ihr ins Bett. Mary und ich, wir waren kein Paar, dem andere zu ihrem Glück gratulierten, auf das sie neidisch schielten und bewunderten. Wir waren ein trauriges Paar. Es war höchste Zeit für eine Trennung. Heute bin ich nicht froh, dass ich damals nicht von den Cops gefickt wurde, sondern, dass ich Mary dann irgendwann endlich den Laufpass gab.

Was ist die Moral von dieser Geschichte? Kein Plan. Ich kiffe nicht mehr. Ich habe mich von einer Sucht befreit, die mein Leben bestimmte. So sehr, dass ich nicht einmal für eine Autofahrt zu einer Hochzeitsfeier klar bleiben wollte. Bekifft sein war einfacher, als mich damit auseinanderzusetzen, dass ich traurig über den Ausgang meiner letzten Partnerschaft war. Das ist alles Westentaschen-Psychologie, aber ist dennoch irgendwie logisch. Ich kiffte, um einfache Zusammenhänge zu verdrängen und das machte mich zum Süchtling. Jetzt bin ich clean und nur ganz langsam kann ich diese ganzen kleinen Zusammenhänge aufdröseln. Vier Monate bin ich jetzt dabei, in kleinen Schritten wieder zu einem glücklichen Franzl zu werden.

Weiter geht’s! Bleibt dran und bleibt sauber.

 

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14 Kommentare

  1. Stumpfe Geschichte. Kam dann auch nichts nach?
    Obwohl, kann ja nicht, nur wegen kiffe besitzen dürfte ja eigentlich nichts passieren.. Und wenn weder Schweiß noch Blut abgenommen wurde….. Wenns Polizisten in deiner Nähe gewesen wären, hättest du dich aber bestimmt drauf einstellen können, dass du regelmäßig mal „zufällig“ angehalten wirst.
    Wie man in den Wald herein ruft,… wird mit Sicherheit auch ne Rolle gespielt haben. Gleich pampig werden dürfte nie hilfreich sein.
    Ich bin aber auch ein unbeschriebenes Blatt was die Polizei betrifft.
    Abgesehen von einer Ferienfreizeit mit 6 oder 7 im Harz, bei der ich meine Gruppe verloren hab und nach stundenlangem heulend im Schnee stehen von der Polizei wieder in die Jugendherberge gebracht wurde. ^^

  2. Schöne Geschichte. Und auch ein bisschen traurig. Vielleicht hättest du bei der schönen Portugiesin bleiben sollen?

    Bringt mich jetzt auch ziemlich ins Grübeln, ich hab da in Sachen Polizei sehr viel verdrängt… Ich wurde sogar schon mal richtig erwischt nahe der holländischen Grenze, mit zwölf Gramm Gras im Wagen oder so, zusammen mit einem Freund, der hatte genauso viel. Die Anklage wurde zwar von der Staatanswaltschaft Aachen wieder fallen gelassen, weil für NRW war das anscheinend nur Kleinkram. Aber es hat mich jahrelang noch verfolgt. Bei jeder Polizei-Standardkontrolle hieß es immer „Oh, ein alter Bekannter“, und ich wurde schön gefilzt. Stand noch im Rechner vermutlich; heute dürfte es gelöscht sein. Aber wer weiß das schon.. Und irgendwann bekam ich mal sogar eine 1000-Euro-Strafe, weil mich ein Ex-Dealer verpfiffen hatte und ich so ehrlich (oder einfach dumm) war, auf dem Revier zuzugeben, dass ich „mal was für 20 Euro“ gekauft hatte. Ist schon ein beruhigendes Gefühl, dass man jetzt einfach guten Gewissens ins Auto steigen kann.

  3. Die Anzeige wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Das ist in Deutschland wohl mitlerweile in allen Bundesländern so.

    Mitlerweile steht die Geschichte sinnbildlich für meine Abhängigkeit. Die ewige Sorge immer einen Joint in Reichweite zu haben, schränkte mich unglaublich ein. Und hielt mich vom Leben und Lieben ab.

    Von diesen Geschichten hab ich einige erlebt. Eine kurze hinterher: der Dealer hatte nix mehr und wir sind freitags um elf abends noch nach Maastricht gefahren. Alle Coffeeshops hatten schon dicht, aber in einer Kneipe haben wir Mart getroffen, der uns mit auf sein Hausboot nahm. Das lag direkt neben dem Mississippi. (Für die Insider unter Euch) fünf Minuten gedealt und als wir vom Boot kamen, standen schon die holländischen Cops auf dem Parkplatz und haben uns das Dope weggenommen. Ne Anzeige gab es nicht. Schon ewig her die Nummer und ich glaube das war ein abgekatertes Spiel. Aber egal. Shitto.

    1. Ich war heute den ganzen Tag hundemüde und liege jetzt superwach im Bett. Meine Freundin hat Fieber und wünscht sich mehr Aufmerksamkeit, doch ich bin viel zu sehr mit meinem Entzug beschäftigt. Wenigstens konnte ich ihr deine „Gute Nacht Geschichte“ vorlesen.. Hilft mir grad sehr! Hab jetzt acht Tage nicht gebufft, seit meinem 30ten. Habe in den letzten fünf Monaten mein Konsum stark reduziert und nur gelegentlich gekifft an „besonderen“ Ereignissen oder um mich zu „belohnen“. Die Tage vor meinem Geburtstag ist es dann mal wieder außer Kontrolle geraten, daher meine erneute Abstinenz. Den Mut wie Du Franzl, ein Jahr ohne Joint!, bringe ich noch nicht auf. Noch nicht! Ich kiffe seit meinem 12ten LJ, jahrelang Bong, dann Joints, aber immer jeden Tag und überall. Das ich süchtig bin wurde mir früh bewusst, die dadurch resultierende Traurigkeit und Scham war ewiger Begleiter meiner Gefühlswelt. Ein Buch („Aufatmen, die Illusion durchschauen“) hat mir erste Erkenntnisse gegeben, warum ich kiffe.. Die Verdrängung des negativen Glaubens an dich selbst, den du irgenwann, meist in deiner Kindheit, entwickelt hast.

      Ich bin den Cops auch zweimal durch geschickte Gesprächsführung entkommen.. Mit mehr Glück als Verstand!

      So, Tag acht bald rum;) danke für deinen Blog!! Good n8t

      1. Gute Nacht. Buchtips, besonders zu dem Thema, finde ich immer super. Danke. Werde ich mir mal anschauen. Bleib stark. Und Gute Nacht.

  4. Ich hab das in meinem Freundeskreis auch oft erlebt, dass wegen des bekifftsein selbst nichts passiert ist, aber so ziemlich jeder wurde danach zur mpu gebeten. Einer war zu Fuß zu ner Party unterwegs und hatte Speed und weed dabei. -> MPU.

  5. Hallo zusammen,

    ich bin per Zufall auf diesen Blog gestossen und war auf Anhieb fasziniert. So viele Schilderungen, so viele Momente, die hier niedergelegt sind, könnten fast 1:1 aus meinem Leben stammen.

    Ich bin nun schon seit einem dreiviertel Jahr „trocken“ im Bezug auf Hanf, aber noch immer ist der Drache in Kopf und Lunge, der nach Schürung des Feuers verlangt, nicht besiegt. Die ganzen Beschreibungen über die erste Zeit danach, die Unfähigkeit zum Schlafen, die innere Unruhe, die Leere ohne Weed, all das kenne ich nur zu gut.

    Ich habe auch wie einige hier recht früh angefangen, mit 15, als ein Freund mir zum ersten Mal einen braunen, verlockend duftenden Brocken gutes Hasch unter die Nase hielt. Es war Liebe auf den ersten Blick und sie hat mich 17 Jahre lang begleitet, in fast allen Lebenslagen.

    Beim ersten Kuss, beim ersten Sex, bei der Abifeier, während der Ausbildung, beim Aufbruch ins Berufsleben, Hanf war mein Begleiter. Treuer als jede Frau, zuverlässiger als jeder Freund. Es gab auch bei mir über viele Jahre fast keine Aktivität, wo Hanf entweder aktiv (in der Blutbahn) oder passiv (in der Tasche zum jederzeitigen Zugriff) dabei war.

    Ich habe mir auch nie wirklich Sorgen deswegen gemacht, es lief ja alles. War zwar nie spitzenklasse in der Schule, aber immer gut dabei. Die Ausbildung habe ich erfolgreich absolviert, eine Anstellung gefunden und ich ging meinem Beruf nach aussen unauffällig nach.

    Für mich war Hanf neben dem Rausch selbst auch immer eine Rebellion gegen das Establishment. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Ba-Wü, mit christlich-konservativ geprägtem Elternhaus. Meine Eltern, so sehr ich sie liebe, haben eine doppelbödige moralische Einstellung im Bezug auf Hanf und betrachten jeden Kiffer als Vorstufe zum Heroin-Junkie, so wie wohl die meisten bei mir zuhause. Gleichzeitig ist Alkohol nicht nur vollkommen in Ordnung, sondern es wird sogar als mannhaft angesehen, je mehr man verträgt. Dabei ist doch bekannt, was Alkohol anrichtet und wieviele Menschen jedes Jahr daran sterben. Und vom Kiffen ist noch keiner gestorben. Ich sah mich daher immer im Recht zu sagen: lieber Hanf als Alkohol (obwohl ich auch gerne hin und wieder einen über den Durst getrunken habe)

    Die ersten Risse in meiner heilen Weed-Welt kamen, als vor ca. anderthalb Jahren meine bis dahin hoch zuverlässige Quelle hochgenommen wurde. Auf einmal stockte die Versorgung und ich stellte Veränderungen an mir fest, wenn kein Weed da war. Ich wurde nervös, fahrig, fing an, Fingernägel zu kauen und konnte mich kaum noch auf was konzentrieren. Andauernd kam der Gedanke „wo krieg ich Stoff her“ – wie in Trainspotting, einem meiner Favorite-Filme. Es sollte nicht die einzige Analogie aus dem Film bleiben. Fortan musste ich größere Mühen eingehen, um an Weed zu kommen, weit fahren, mich mit Gestalten abgeben, die ich sonst nie ansehen würde, musste hohe Preise für schlechte Qualität zahlen. Und war trotzdem war nie genug da.

    Ich fing an, mich mit meiner Freundin zu streiten wegen Kleinigkeiten, wurde ihr gegenüber wahlweise grundlos ungerecht, aufbrausend oder ignorant, kalt, abweisend. Irgendwann hat sie es nicht mehr ertragen und ist gegangen. Und das schlimmste ist: damals war es mir fast egal, meine Gedanken kreisten viel zu sehr um mich und um das Weed. Heute weiss ich, dass dieses Teufelzeug daran schuld war, dass ich meine Liebe verloren habe.

    Und dann erging es mir eines Tages wie meiner Quelle und ich wurde erwischt. In BaWü sind die Regeln hart, ich war high am Steuer und hypernervös und der Polizist hat es natürlich sofort erkannt: Lappen weg, Geldstrafe, MPU. Und regelmässig pinkeln.

    Auf einmal war ich in der Hölle. Ich durfte nicht mehr, selbst wenn ich was bekommen hätte. Es waren Höllenqualen, die ich durchlitten habe. Ich fühlte mich wie Renton bei Trainspotting (oder jedenfalls dachte ich das). Schlaflosigkeit, wirre Gedanken, zu müde um zu wach zu sein und zu krank um zu schlafen. Ich musste mich immer wieder krankmelden, weil ich morgens so fertig von der Nacht war, dass an Arbeit nicht zu denken war (die war mir eh egal geworden). Es waren wirklich schlimme Wochen, aber wenigstens geht es mir jetzt körperlich besser.
    Meinen Lappen habe ich zwar immer noch nicht wieder (in drei Monaten kann ich zur MPU), meine Freundin ist auch weg und kommt nicht wieder. Aber das ist die gerechte Strafe für mich. Ich habe viel nachgedacht und viele Erkenntnisse,die hier beschrieben sind und auch von diversen Kommentatoren berichtet wurden, habe ich auch gewonnen. Mittlerweile verstehe ich meine Eltern besser und auch, warum sie gegen Drogen sind. Ich leide immer noch an den Nachwirkungen meiner jahrelangen Sucht und werde das wohl auch noch sehr lange tun. Das ach so harmlose Haschisch hat mir viel im Leben verbaut.

    Früher war ich mal für die Legalisierung, mittlerweile bin ich absolut dagegen. Hanf ist nicht harmlos, ganz im Gegenteil. Ich halte die um sich greifende Verharmlosung dieser gar nicht weichen Droge für eine gefährliche Entwicklung und hoffe, es wird nie, nie legal, damit nicht noch mehr Menschen so etwas erleiden müssen wie wir hier!

    1. Hi Ager, erst einmal Glückwunsch zum Ausstieg. Die Erkenntnis, dass das Gras unser Leben beherrscht hat, eint uns wohl alle.

      Herzlich willkommen in unserer kleinen Community. Bring die Woche gut zu Ende.

      Beste Grüße,
      Franzl

      1. Hallo Franzl,

        ja, es ist nicht einfach zu erkennen und sich vor allem selbst einzugestehen, dass man drogenabhängig ist bzw. war.
        Abhängig sind doch immer die anderen, die Asis am Bahnhof oder aus den schlechten Pseudo-Reality-Sendungen.

        Aber einmal den Schritt gegangen wirds mit der Zeit doch leichter.

        Danke für deinen Blog und mach weiter so!

        Lieber Gruss,

        Ager

    2. Auch von mir ein Willkommen. Interessante Geschichte, auch das mit dem Kiffen gehen das Establishment, davon hatte es Franzl ja auch schon. Deine Trainspotting-Vergleiche brachten mich zum Schmunzeln, ich weiß genau, was du meinst! Trotz meiner Sucht bin ich aber nach wie vor der Meinung, dass nicht die Droge das Problem ist, sondern ich. Wer das hinbekommt, 2x im Jahr zu ganz besonderen Anlässen einen Purjoint zu konsumieren, der soll das genießen. Wir hier können das eben einfach nicht. LG Der Aussteiger

      1. wenn man aus so einem kleinen Dorf wie ich kommt, wo sich der süddeutsche Konservativismus und die schwäbische Engstirnigkeit zu einem abscheulichen Brodem der bürgerlichen Bigotterie verdichten, erscheint einem der Geruch eines guten Grases wie der Duft der Freiheit und der Wind des Widerstands.

        Natürlich liegt es immer an einem selbst, was man sich in den Kopf tut – es ist nie die Droge, sondern der der sie konsumiert. Genau wie bei Waffen – Waffen töten keine Menschen, sondern die Menschen, die sie benutzen.
        Aber wenn ich an meinen „Entzug“ denke, kann ich nicht mehr weiter so tun, als ob Weed ein harmloser Freizeitspass ohne Folgen ist.

        Vielleicht seh ichs zu hart. Wir werden sehen, wenn ich die MPU packe und nicht mehr pinkeln muss, ob ich dann noch so hart bin wie jetzt!

        LG Straight Ager

  6. Es ist nicht harmlos. Ich habe das Kiffen auch immer als einfache Medizin gesehen. Nach einem langen Arbeitstag konnte ich mit einem Joint sehr einfach abschalten. So ist es ja auch, aber irgendwann hat mich das Kraut einfach komplett abgeschaltet und ich habe mich überhaupt nicht mehr weiterentwickelt.

    Ich drücke die Daumen, dass du nach der Bestandenen MPU dran bleibst und weiter gegen die Sucht arbeitest. Viel Erfolg und Beste Grüße,
    Franzl.

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