Jeden Tag Vollrausch!

Wer je über einen längeren Zeitraum täglich gekifft hat, kennt es. So richtig high machten auch zehn Tüten am Stück nicht mehr. Nach zehn Jahren war ich in der Profiliga angekommen. Naja, Semi-Profi – denn ich habe ausschließlich Tüten geraucht. Köpfe aus der Pfeiffe waren mir irgendwie zu hart. Über meine gesamte Karriere habe wahrscheinlich nicht einmal ein Dutzend davon geblubbert. Da habe ich doch lieber ab und an einen vier Gramm Blunt gebastelt. Am liebsten mit den amerikanischen HoBo-Phillies. Kennt ihr die noch?

An einen Kopf kann ich mich noch genau erinnern. Damals in der Oberstufe. Nach der ersten Doppelstunde stand die Frage im Raum: Englisch oder Keller? Im Keller wohnte Willi (a.k.a. Wilhelm Busch). Der Keller war als Poolraum geplant, doch es wurde Willis Zimmer, Souterrain im Einfamilienhaus, eigener Zugang, schwarze Ledercouch, Toni Montana Poster, Fliesentisch, Playstation und nur ein langes Fenster durch das nicht wirklich viel Licht in den stets verqualmten Raum drang. Dort haben wir viele langweilige Grundkurse verkifft. Dort habe ich das Kiffen entdeckt.

Es war mein erster richtiger Kopf aus der Glaspfeife. Schöne Profimischung und ich wollte ihn auch richtig wegballern, so wie ich es von Willi kannte. Blubbern bis nur noch Asche zu sehen ist und dann das Kickloch öffnen und den Rest tief in die Lunge knallen. BÄM – Headshot. Ich weiß es noch genau: Erst ein übles Schwindelgefühl und dann kam der Kick. Es war erst elf Uhr vormittags und bin ich bin direkt auf dem Sessel eingepennt. Irgendwann am späten Nachmittag hat mich einer von den Jungs nach Hause gefahren, wo ich direkt wieder ins Bett bin und bis zum nächsten Tag durchgeschlafen habe, an dem Tag stan allerdings eine Physik-LK-Klausur an. 4 Stunden Klausur und danach nochmal ins Bett. So fertig war ich vom Kiffen seither nie wieder. Die Klausur hatte ich grad so bestanden. Aber Köpfe waren nix für mich.

Zehn Jahre später wurde ich überhaupt nicht mehr breit von dem Kraut. Ich habe überall und jederzeit gekifft. „Erstmal einen basteln“, egal was ich/wir gemacht – es wurde vorher erstmal ein kleiner Jizzl geraucht. Vor dem Kino, in der Menge auf Konzerten, in der Gondel beim Skifahren, auf dem Beifahrersitz auf Reisen, in der S-Bahn, auf dem Miniklo in der Sauna – ich glaube ich habe überall schon gedreht. Richtig stoned wurde ich gar nicht mehr. Meine Körperfunktionen hatte ich jederzeit im Griff. Hochdosierung nennt sich das wohl. Ein harter Alkoholiker zeigt schließlich bei zwei Promille auch keine wirklichen Ausfallserscheinungen. Vollrausch sollte Vollrausch bleiben. Doch aus Rausch wurde Normalzustand. Eine Wirkung gab es noch, ein wohliges Gefühl, dass ich ständig wollte und irgendwann brauchte, um mich normal zu fühlen. Aus der Droge wurde die Sucht. Eine merkwürdige Verwandlung.

Obelix wurde ich zwischendurch genannt. Der, der in der Hanfplantage aufwuchs und einfach nicht mehr breit wurde.

Jetzt bin ich zehn Wochen clean. Es fühlt sich nach Abschied an. Ich hänge es noch immer nicht an die große Glocke, aber mein engerer Freundeskreis weiß Bescheid und das Verlangen nach Gras ist wirklich gering. Ich hänge abends manchmal durch, aber es zuckt auch dann nicht in den Fingern. Das ist gut so. Mein Ziel ist 1 Jahr kein Joint. Danach ziehe ich Bilanz und mache mir ein neues Ziel. Also. Weiter geht’s.

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7 Kommentare

  1. Hi Franzl

    Es war sehr erquickend, Deine Zeilen zu lesen. Nicht nur diese, auch die weiter zurückliegenden Geschichten. Vom Inhalt her hätte ich sie selbst geschrieben haben können. Auch die Form überzeugt. Nicht dieses hohlköpfige Aglo-Slang-Gelaber, wie ich es schon oft lesen musste! Ich erkenne mich doch sehr selbst in Deinen Worten. Das tut gut! Danke!

    Ich bin jetzt 39 und habe das Kiffen nie richtig aufgeben können. Aber ich gehöre definitiv auch zur Sparte der Business-Kiffer. Schule, Weiterbildung und Job nie wegen Kiffen verkackt! Dafür wäre ich mir selbst zu schade gewesen. Hab‘ auch nie morgens vor der Arbeit… aber sich schon nachmittags freuen wie Schnitzel auf’s Heimkommen 🙂 Wie aber wär’s gewesen, wenn ich nie gekifft hätte? Wo stände ich heute? Solange ich nicht mit einem nichtkiffenden alter ego im Paralleluniversum sprechen kann, wird sich das nie klären lassen.

    Vor einer Woche habe ich den Kippen entsagt. Bis dato erfolgreich, wenngleich ich noch zwei, drei Tüten am Abend rauche… So komme ich zwar nicht sofort von Nikotin weg aber ich bin schon recht stolz auf mich. 30 Kippen pro Tag waren es im Minimum. Und dann noch 3 bis 4 Spassdübel… Und am Wochenende noch ein bisschen Alkohol im Verbund. Gesunde Lebensweise. Aber ich muss kleine Schritte machen, sonst versage ich. Wenn ich schon meinen Körper nachhaltig vergifte, will ich wenigstens einen Return. Deshalb habe ich jetzt halt die Kippen aufgegeben und nicht das Kiffen. Ich bin aber überzeugt, in einer späteren Phase, mich einfacher vom Kiffen loslösen zu können, als mit den Zigis aufzuhören. Vielleicht mach‘ ich mir da auch was vor.. Wir werden sehen.

    Ich freue mich jedenfalls, bei Dir und Dank Deinen Zeilen Unterstützung zu finden für meinen eigenen Weg. Bleib stark!

    Grüsse
    Bicki

    1. Hey Bicki. Danke für die freundliche Resonanz und die Netten Worte. Diese Parallelen, die offenbar so viele von uns Kiffern verbinden, waren der Auslöser für mich diesen Blog zu starten. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist der erste Schritt. Wohin ist eine individuelle Frage. Sammle Kraft. Irgendwann kommt auch für Dich die richtige Gelegenheit für einen Versuch es zu lassen. Ich drücke die Daumen und wünsche Dir alles Gute für Deinen Weg. Viel Erfolg beim Versuch mit den Kippen. Gerade eben ich wieder zum Kippomat gelatscht, obwohl ich es lassen wollte. Shit. Alles zu seiner Zeit.

      Drücker,
      Franzl

      1. Ich lese deine Texte auch mit Genuss. Klares schnörkelloses Deutsch!
        Und die Thematik ist natürlich für jeden der sich mit seinem Konsum auseinandersetzt interessant. Nochmal ein großes Lob für den Blog ich werde weiter mitlesen. Hoffe du bleibst auch dran.

      2. Danke für das Kompliment. Ich bemühe mich meine Gedanke kurz und bündig zu formulieren. Ich werde dran bleiben: Abstinent zu sein und weiter darüber zu schreiben.

  2. Hallöchen Franz.
    Toll, dass du schon zehn wochen sauber bist, ich bin jetzt in woche vier und du motivierst mich sehr. 🙂

    Tüten haben mich eigentlich nie wirklich gereizt. Jedenfalls nicht, seitdem ich regelmäßig kiffe … Nein, kiffte. Ein Dauerkonsum hat sich einfach erst eingestellt, als ich eine Bong Zuhause hatte. Rückblickend betrachtet hat mich wohl der Tabakflash daran gefesselt.
    Ich hatte nie Probleme, zu ner Tüte nein zu sagen, aber wenn mir jemand einen Kopf angeboten hat….. Sofort! Zwar auch nicht vor der Arbeit (ja, ja, Business 😉 ) aber nach Feierabend Zuhause war der erste Gedanke „Kopf Rauchen“, zur Not auch mit verklemmten Beinen, weil ich schon echt dringend pinkeln musste, aber auch urinieren war breit einfach schöner.
    „Breit“ ist dabei natürlich so ne Sache. Wurde man ja nicht mehr richtig, neidvoll hat man Leute mit Lachflashs beäugt, während ich mir anhören durfte „alter, Mädchen, ich kenn niemanden, der soviel kifft wie du!“ Und ich hab’s gefeiert, ich hab ne dicke große Bo geraucht, hab es genossen mal eben so die Köpfe wegzuziehen…..

    Na gut, meine Mittagspause ist gleich vorbei, letztendlich sollte das hier auch eher ein „Fette Sache, schon zehn Wochen clean“-Kommentar werden, als eine Kurzgeschichte über mich.
    Halte weiter durch, du hast Support von ner Menge mitlesen anscheinend 🙂
    Ma.

    1. Vier Wochen sind doch ebenso stark. So motivieren wir uns doch gegenseitig. Und die private Kurzgeschichte ist mir lieber als jedes Kompliment. Danke für die offenen Worte. Über diesen Tabakflash beim Bong-Rauchen hab ich von einem Kumpel gehört. Der hat in der Not dann auch pure Tabak-Köpfe geraucht.

      Bleib dran und über eine weitere Geschichte als Kommentar freue ich mich immer. Danke nochmal dafür. Alles Gute,
      Franzl.

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