Monat: April 2014

Franzl, der Kiffer!

Wer bin ich eigentlich? Ich hatte immer ein klares Selbstverständnis. Als Kiffer war ich offen, hatte keine Schwierigkeit mit großen Gruppen. Habe ungehemmt fremde Leute angesprochen und stand oft im Mittelpunkt der Gruppe. Die letzten zehn Jahre war ich überall einfach der Kiffer. Der lustige Typ, der immer eine Idee im Kopf hat und halt zu jeder Gelegenheit seinen Utensilienbeutel rausholt und einen dreht.

Es gab wirklich keine Aktivität, die ohne Kiffen auskam. Vor dem Kino wurde selbstverständlich einer geraucht. Selbst im Kino habe ich schon gekifft. Auf Konzerten habe ich immer gekifft. Mitten in der Menge: wen stört das schon. Wer freundlich guckte, mit dem teilte ich den J auch immer gern. Ich kann mich an ein Fanta 4 Konzert erinnern. Vor der Halle in Halle fragte ich jemanden nach einem Blättchen. Meine waren schon aus. Und was passiert? Er machte eine Kippenpackung auf. Darin waren statt Kippen zehn Vorgedrehte und er bot mir einen an. Kiffer sind doch alle homies dachte ich damals und genoss den geschenkten Joint.

Ich war nie ein „Gamer“. Doch auf GTA Online bin ich mit meinen Kifferjungs eine zeitlang richtig hängengeblieben. Wir haben den ganzen Sonntag damit verbracht in Liberty City abzuhängen. An diesen Sonntagen habe ich oft mehr als zehn Tüten mehr oder weniger am Stück geraucht. Die ganze Zockerei war nur einen Rahmenprogramm für den sonntäglichen Kiffmarathon.

Jede Aktivität war nur „richtig“, wenn zwischendurch Zeit für einen Tüte war. Selbst als ich einmal mit dem Rad von Frankfurt nach Köln gefahren bin, zwei Tage à 120 Kilometer am Rhein entlang. Selbst auf dieser wunderbaren Tour habe ich unterwegs halt gemacht und gemütlich gekifft. Skiurlaube waren Kiffexzesse. Schon im Auto auf der Hinfahrt haben wir mehrere Tüten geraucht. Selbst im Sessellift habe ich gebastelt. Basketball im Sommer auf dem Freiplatz: klar kiffe ich zwischendurch einen. Besser gespielt habe ich dadurch sicher nicht.

Mein Leben bewegte sich von Joint zu Joint. Und ich merkte dabei überhaupt nicht, dass es sich im Kreis drehte. Ich habe mich keinen Millimeter weiterentwickelt. Unfassbar. Heute, nach drei Monate Abstinenz und intensiver Auseinandersetzung mit meinen Schwächen und Ängsten habe ich das Gefühl kein Selbstbewusstsein mehr zu haben. All diese oben beschriebenen Aktionen habe ich mit einem Lächeln auf dem Gesicht erlebt – mich gut und sicher dabei gefühlt.  Ich fühlte mich stets ein bisschen erhaben. Vom „gewöhnlichen Pöbel“ abgehoben. Sollten sie doch ihr steriles Leben führen.

Jetzt fühle ich mich schwach und allein. Traurigkeit bestimmt mich. Sie nimmt mich auch körperlich ein, ich fühle mich schwach und klein. Ich versuche meinen Körper zu kräftigen. Gesund zu essen. Viel Sport zu treiben. Ich bin ein starker 30-jähriger, doch ein Mann bin ich noch nicht. Die vielen Joints habe ich mich in meiner Entwicklung behindert, soviel ist klar. Ich bin finde mich auf einem Scheideweg, möchte nicht in Melancholie versinken, sondern wieder beginnen zu leben. Jetzt einen Joint zu rauchen, würde diese Traurigkeit manifestieren. Ich bleibe clean, aber ich muss einen Weg heraus finden. Ich muss mich neu erfinden. Nur: wer will ich sein? Ich weiß es noch nicht.

 

7 Stunden REM-Schlaf

Ostern ist durch und tat mir gut. Den Feiern meiner kläglichen Familie bin ich aus dem Weg gegangen. Dafür bin ich viel gelaufen und hoffe den Rhythmus jetzt wieder beibehalten zu können. Sport tut wirklich gut. Außerdem war ich viel mit Freunden unterwegs, was auch die Stimmung aufhellt.

Heute morgen bin ich allerdings wieder im Alltag und muss sagen, dass ich immer noch nicht ordentlich schlafe. Ich habe das Gefühl, dass mein Schlaf ausschliesslich aus REM-Phasen besteht. Die Träume sind noch immer sehr lebendig und beschäftigen mich schon sehr. Es passiert auch noch immer, dass ich davon Träume zu kiffen und im Traum Ausreden entwickele, warum ich in diesem Moment einen Joint brauche. Sehr merkwürdig. Am Tag habe ich diese Gedanken nicht und bin sehr happy mit der Abstinenz.

Ich bin morgens echt müde und komme nur sehr schwer aus dem Bett. Bin ich einmal aufgestanden und geduscht, ist alles in Ordnung. Es kommt mir einfach vor, als käme ich nicht in den Tiefschlaf und bewege mich nachts von Traum zu Traum, ohne wirklich erholsam zu schlafen.

Hat Jemand von Euch da ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ich werde das aussitzen. Irgendwann wird sich mein Körper wohl auch wieder einpendeln, aber es ist schon erschreckend. Für mich ist das ein klares Zeichen, dass die vielen Jahre des Konsums ihre Spuren hinterlassen haben. Und ein sehr guter Grund nicht wieder in alte Konsummuster zu verfallen.

Zeit heilt alle Wunden. Also verrinne, Zeit, verrinne. Ich möchte mich weiterentwickeln, und ich möchte Ziele erreichen und eigentlich keine Zeit vertrödeln. Aber momentan fühle ich noch Gefangen und sehr schwach. Ich brauche neues Selbstbewusstsein und das muss ich mir erarbeiten. In kleinen Schritten. Durchhalten ist wichtig. Kleine Erfolge muss ich auch mal wieder feiern.

Früher habe ich mich von Joint zu Joint durchgeschlagen. Die Zeit dazwischen war Notwendigkeit. Heute fühlt es sich an, als würde ich mich von Ruhephase zu Ruhephase kämpfen.

Den Moment zu leben, dass muss ich wieder neu lernen.

 

Statusbericht: 3 Monate

Jeder Kiffer hat sein Behältnis.

So. 3 Monate sind also rum und ich will kurz einen Statusbericht abgeben. Vor allem für mich. Ich kann noch immer nicht durchschlafen und fühle mich seit Wochen schlapp. Ich mache weniger Sport, als ich es von mir gewohnt bin und rauche, wie ein alte Dampflok am Hang. Ostern steht vor der Tür und ich werde mir grad sehr meiner Einsamkeit bewusst. Ich habe keine Lust auf meine Familie und meine Freunde. Alleine sein möchte ich allerdings noch weniger. Wertlos. Die letzten Wochen habe ich mich um das Wort Depression gedreht. Ich möchte niemandem zu Nahe treten, der diese Krankheit hat, aber für mich wäre das eine Ausrede – ich empfinde oft genug wahre Freude. Ich muss sie nur wieder wecken, diese Freude. Sport machen, Menschen zum Lachen bringen. Dumme Gedanken denken, dann aber auch vergessen und positive Gedanken sammeln und verwerten. Dafür mache ich das Gras nicht mehr verantwortlich. 2011 war ich auf dem Weg zum Glück, ich erinnere mich genau. Ich kiffte viel, aber ich hatte ein Ziel vor Augen und habe darauf hin gearbeitet, war happy und das Glück kam mir zugeflogen. Das Ziel war eine lange Reise und ich habe es erreicht. Danach habe ich kein neues Ziel gefunden und den Mut verloren.

Nicht zu kiffen ist echt nicht die Leistung. Ich träume regelmäßig, dass ich einen dicken Joint im Mund habe und mir eine Ausrede ausdenke, warum ich diesen gerade dampfe. Dann wache ich auf, wundere mich und brauche einen Moment, um zu begreifen, dass ich meine Abstinenz gar nicht wirklich unterbrochen habe. In den wachen Momenten, in denen ich normalerweise in meine Box gegriffen habe, um mit dem Geschick eines Experten eine schöne Tüte zu drehen, denke ich noch ans Kiffen, aber es kommt mir fremd vor. Suchtdruck verspüre ich eigentlich nicht. „Jetzt ein schöner Joint“, dieser Gedanke kommt nicht. Ich suche nach Spaß, nicht nach Verdrängung. Wenn ich die Leichtigkeit des Lebens wieder gefunden habe, da bin ich mir sicher, dann wird auch die Sehnsucht nach dem High wieder kommen und ich muss mich einfach dagegen wehren aus Spaß zu kiffen, wenn ich eh schon fröhlich bin. Wir werden sehen, wie das klappt.

Das waren drei Monate der Melancholie. Das Momentum umzudrehen ist jetzt entscheidend. Ich weiß, was ich zu tun habe: Kräfte sammeln und es anpacken. Das Leben organisieren, eine Baustelle nach der Anderen angehen und abarbeiten. Ich muss wieder ein konkretes Ziel vor Augen haben. 12 Wochen habe ich mich jetzt zurückgelehnt und abgewartet, dass es besser wird. Wer soll es denn besser machen, wenn ich die Füße hochlege und mich zudecke?! Mama vielleicht?

Erkenntnis ist so ein Wort, das sich durch diesen Blog zieht. Ich schreibe diese Zeilen und halte mich für schlau, dass ich erkenne. Es ist nicht einfach aus Gedanken einen Impuls zu generieren, aber ich werde es versuchen. Es ist jetzt an der Zeit.

Dieser Feierabend-Joint: warum war der denn so wichtig und heilig? Was hat er verändert? Jetzt lege ich mich zu der Zeit auf die Couch und bin verwirrt und nachdenklich, scrolle ne Stunde schwachsinnig durch den Taschencomputer während im TV Quatsch läuft. Zeit ist doch wertvoll. Ich rede mir ein kraftlos zu sein und schlafe oft mehr als zehn Stunden. Damit muss jetzt Schluss sein.

Weiter geht’s zu Phase 2.

Heimlich kiffen!

Der einsame Joint zu Hause auf der Couch ist ein starkes Anzeichen dafür, dass aus dem genüsslichen High ein Problem entsteht. Das ist keine allgemeingültige Tatsache, aber es zählt zu den Anzeichen. Noch deutlicher wird es in meinen Augen, wenn heimlich gekifft wird.

Vor Kurzem habe ich in meinem Kulturbeutel, den ich zuletzt in der gemeinsamen Bude mit meiner Ex-Freundin genutzt hatte, eine ganze Sammlung Feuerzeuge gefunden. Ich musste darüber lachen, aber eigentlich ist es eine traurige Geschichte. Wie kamen Feuerzeuge im Kulturbeutel? Nunja, es war Winter und meine Ex-Freundin raucht(e) nicht. Die Feuerzeuge kamen von den unzähligen heimlichen Joints, die ich morgens, nachdem sie zur Arbeit gefahren ist, auf dem Klo geraucht habe. Wir kamen grad von unserer Reise und ich hatte noch keinen Job und nur wenig Aufträge und habe viele Vormittage verdöst. Und das gern high. Draußen war es mir zu ungemütlich und so habe ich halt heimlich im Bad geraucht. Nach dem duschen und einer guten Lüftung war nichts mehr davon zu riechen. Und die verwendeten Feuerzeuge habe ich wohl in meinen Kulturbeutel gesteckt. 7 Stück habe ich darin gefunden. Da hat sich in kurzer Zeit eine richtige Routine eingespielt. Freundin aus dem Haus, abrollen und ab ins Bad – endlich kiffen. Das sind wirklich diese junkiehaften Abgründe, die mir heute sagen: Franzl, du hast/hattest das echt nicht im Griff. Lass das kiffen sein und mach dich frei von allen Zwängen. Ich kiffe nicht mehr und die Momente unbedingt einen bauen zu wollen gibt es eigentlich schon nicht mehr. Trotzdem fühle ich mich noch immer beeinträchtigt und bin sehr achtsam, was alle anderen Zwänge angeht.

An die verlorenen Partnerschaft denke ich noch oft. Auch in meinen Träumen zeigt sich deutlich, dass ich traurig über den Verlust bin. Wir haben uns in einer Phase getroffen, in der ich sehr happy und voller Tatendrang war. Und in einer Phase, in der ich exzessiv gekifft habe. Es war im Urlaub in einer Gruppe von einem Dutzend Leute und ich habe konstant durchgedreht. Es war mein Rebellentum und meine Selbstsicherheit, die der Grund dafür waren, dass sie sich in mich verliebt hat. Und es waren meine Schwäche und die Sucht, die sie diese Liebe verlieren ließen. Es ist unfassbar und unbegreiflich für mich, wie nah Stärke und Schwäche bei mir zusammenliegen. Erst stehe ich mit Joint im Mundwinkel beim Aprés Ski in der Menge und tanze ausgelassen zu beknackter Musik und etwa ein Jahr später sitze ich in auf dem Klo ihrer Wohnung und kiffe heimlich.

Ich habe mich lange sehr bemitleidet als sie mich verließ. Und habe noch mehr gekifft als eh schon. Ich hatte mich ihr anvertraut. Das erste Mal in meinem Leben habe ich die harte Schale abgelegt und das schwache Bewusstsein meiner Selbst offengelegt. Mir tat das gut und hat mich letztendlich einen Schritt weitergebracht, aber für sie war es eine zu große Aufgabe. Und ich kann sie heute verstehen. Sie hat die Stärke gesucht, und war einfach enttäuscht Schwäche zu entdecken.

Aber auch das ist eigentlich eine andere Geschichte. Heimlich kiffen ist traurig und schwach und für mich ein klares Zeichen der Sucht. Ich will wieder stark werden. Stärker als all die Impulse, die mich so heimsuchen. Weiter geht’s!

Gras kaufen: Legal, Illegal, Scheißegal.

Gerade wird wieder heftig diskutiert: Soll die Abgabe von Cannabis legalisiert werden? Ich war immer dafür. Heute bin ich unschlüssig, aber noch immer eher positiv dazu eingestellt. Ich bin über die Jahre auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten, aber der Besitz wird in Deutschland ja nur in Einzelfällen bestraft. Das beste Argument für die Legalisierung ist wohl der unnötige Aufwand für die Justiz und die damit verbunden Kosten für den Staat. Aber egal: Gras gibt es an jeder Ecke. Zu Beginn hat uns Willi versorgt. Der hat es vom Türken in Hunderterpakete gekauft. Als ich in eine andere Statdt kam, hat meine Arbeitskollegin mich mitversorgt. Und ich hatte einen Deal mit meinem Nachbarn. Der hat mir jeden Monat ein Gramm in den Briefkasten geworfen, dafür dass er über mein W-LAN Fifa zocken durfte. In Bonn gibt es die Hofgartenwiese, wo man beim freundlichen Afrikaner einen Zehner auf die Faust kaufen kann. Die Versorgung in Deutschland ist wohl ziemlich lückenlos. Und jeder Kiffer aus NRW hat wohl schon dn obligatorischen Trip nach Maastricht gemacht. Mein Lieblingsladen war immer das Heaven 69. Freundliche Girls und weltklasse Milkshakes.

Meine letzte Connection war allerdings einmalig. Ein kleines Türkisches Coffee Café direkt um die Ecke. Täglich von elf bis elf geöffnet. Die Preise waren eher übel, aber es war eben praktisch ohne Ende. Kein Telefonieren, kein Warten, kein Stress. Einfach rein, an der Theke, bestellen und ab nach Hause. Supereasy. Die ganze Bude hatte nur diesen einen Zweck. Es gab so eine Art Code: man musste nach einer bestimmten Person fragen und schon war alles geritzt. Natürlich haben das auch die Cops irgendwann gerafft, aber dann wechselte einfach das Personal und es ging wieder von vorne los. Das Café gibt es noch, ich gehe nur nicht mehr hin.

Gesetzliche Regelungen ändern einfach gar nichts. Die NPD verbieten zu wollen, führt schließlich auch zu nichts. Genauso wie es die Rechten immer geben wird, wird es auch immer Kiffer, Kokser und andere „Rangruppen“ geben. Ich denke die Legalisierung wird kommen. Die Amerikaner probieren es ja grad. Ich bin mal gespannt, welche Ausmaße das dort annimmt. Aus Holland hört man ja eigentlich nur Gutes dazu.

Mir war das immer wurscht. Ist eine Connection verebbt, fand sich irgendwo die Nächste. In meinem Telefon habe ich noch immer ein paar Nummern, die ich stets nur für den einen Zweck angerufen haben. Die Namen dazu lauten: J, Flötz, der Dicke u.s.w. Aber um das Thema Sucht auch an dieser Stelle aufzugreifen: es ist ganz einfach herauszufinden, ob man ein Problem mit dem Kiffen hat. Du hast nur noch ein, zwei Gramm zu Hause und fängst dann bereits an die ersten SMS zu schreiben: „Yo J, wie sieht es aus? Ist der Günter bei Dir? Ich muss ihn sehen.“ Oder: „Hey Dicker, was geht? Hast Du Mary Jane getroffen. Ich brauch nen Termin.“ Kein Gras zu Hause zu haben war nicht cool. Das hat mich gestresst. Und das letzte Gramm hab ich stets am Stück weggeballert. Anstatt ein bisschen was für den Fall der Ebbe aufzubewaren, habe ich dann noch mehr geraucht, als ich es eh schon tat. Und die Zeit zwischen Leerstand und Nachschub war stets unentspannt. In diesen Phasen habe ich oft erkannt: Mann Franzl, Du hast ein echtes Problem. Aber dieses Problem konnte ich auch später angehen. Diese Situation habe ich bestimmt hundertmal erlebt. Trotzdem hab ich immer Nachschub geholt. Und weiter gebufft. Und immer weiter gebufft. Die Anzeichen für einen problematischen Konsum sind so eindeutig. Und trotzdem ist der Ausstieg unheimlich schwer. Erst die wahre Erkenntnis führt zum Erfolg.

Also: Bist Du nervös, wenn der Stoff zu Ende geht? 

Dann rede mit Jemandem. Such Unterstützung. Weihe enge Bekannte ein. Stell dich Deiner Sucht. Sucht ist ein Problem, aber kein Weltuntergang. Ich fühle mich jetzt, nach zehn Wochen, schon viel freier. Ich bin immernoch moody und schlafe komisch, aber es wird. Es wird besser.

Jeden Tag Vollrausch!

Wer je über einen längeren Zeitraum täglich gekifft hat, kennt es. So richtig high machten auch zehn Tüten am Stück nicht mehr. Nach zehn Jahren war ich in der Profiliga angekommen. Naja, Semi-Profi – denn ich habe ausschließlich Tüten geraucht. Köpfe aus der Pfeiffe waren mir irgendwie zu hart. Über meine gesamte Karriere habe wahrscheinlich nicht einmal ein Dutzend davon geblubbert. Da habe ich doch lieber ab und an einen vier Gramm Blunt gebastelt. Am liebsten mit den amerikanischen HoBo-Phillies. Kennt ihr die noch?

An einen Kopf kann ich mich noch genau erinnern. Damals in der Oberstufe. Nach der ersten Doppelstunde stand die Frage im Raum: Englisch oder Keller? Im Keller wohnte Willi (a.k.a. Wilhelm Busch). Der Keller war als Poolraum geplant, doch es wurde Willis Zimmer, Souterrain im Einfamilienhaus, eigener Zugang, schwarze Ledercouch, Toni Montana Poster, Fliesentisch, Playstation und nur ein langes Fenster durch das nicht wirklich viel Licht in den stets verqualmten Raum drang. Dort haben wir viele langweilige Grundkurse verkifft. Dort habe ich das Kiffen entdeckt.

Es war mein erster richtiger Kopf aus der Glaspfeife. Schöne Profimischung und ich wollte ihn auch richtig wegballern, so wie ich es von Willi kannte. Blubbern bis nur noch Asche zu sehen ist und dann das Kickloch öffnen und den Rest tief in die Lunge knallen. BÄM – Headshot. Ich weiß es noch genau: Erst ein übles Schwindelgefühl und dann kam der Kick. Es war erst elf Uhr vormittags und bin ich bin direkt auf dem Sessel eingepennt. Irgendwann am späten Nachmittag hat mich einer von den Jungs nach Hause gefahren, wo ich direkt wieder ins Bett bin und bis zum nächsten Tag durchgeschlafen habe, an dem Tag stan allerdings eine Physik-LK-Klausur an. 4 Stunden Klausur und danach nochmal ins Bett. So fertig war ich vom Kiffen seither nie wieder. Die Klausur hatte ich grad so bestanden. Aber Köpfe waren nix für mich.

Zehn Jahre später wurde ich überhaupt nicht mehr breit von dem Kraut. Ich habe überall und jederzeit gekifft. „Erstmal einen basteln“, egal was ich/wir gemacht – es wurde vorher erstmal ein kleiner Jizzl geraucht. Vor dem Kino, in der Menge auf Konzerten, in der Gondel beim Skifahren, auf dem Beifahrersitz auf Reisen, in der S-Bahn, auf dem Miniklo in der Sauna – ich glaube ich habe überall schon gedreht. Richtig stoned wurde ich gar nicht mehr. Meine Körperfunktionen hatte ich jederzeit im Griff. Hochdosierung nennt sich das wohl. Ein harter Alkoholiker zeigt schließlich bei zwei Promille auch keine wirklichen Ausfallserscheinungen. Vollrausch sollte Vollrausch bleiben. Doch aus Rausch wurde Normalzustand. Eine Wirkung gab es noch, ein wohliges Gefühl, dass ich ständig wollte und irgendwann brauchte, um mich normal zu fühlen. Aus der Droge wurde die Sucht. Eine merkwürdige Verwandlung.

Obelix wurde ich zwischendurch genannt. Der, der in der Hanfplantage aufwuchs und einfach nicht mehr breit wurde.

Jetzt bin ich zehn Wochen clean. Es fühlt sich nach Abschied an. Ich hänge es noch immer nicht an die große Glocke, aber mein engerer Freundeskreis weiß Bescheid und das Verlangen nach Gras ist wirklich gering. Ich hänge abends manchmal durch, aber es zuckt auch dann nicht in den Fingern. Das ist gut so. Mein Ziel ist 1 Jahr kein Joint. Danach ziehe ich Bilanz und mache mir ein neues Ziel. Also. Weiter geht’s.