Kleine Schritte. Große Schritte. Eine Sache der Perspektive.

Kurzer Zwischenbericht. Momentan hänge ich ein bisschen durch und mir fehlt ein bisschen die Motivation. Stagnation. Beruflich plätschert es so daher und privat ziehe ich mich momentan ein bisschen zurück. Etwas mehr als acht Wochen bin ich nun clean. Es fällt mir schwer stolz auf mich zu sein. Für mich ist das noch keine Leistung und ich würde die Zeit gerne ein Jahr nach vorne drehen. Die Fortschritte fühlen sich klein an.

Gestern Abend war ich sehr down, doch heute morgen hat mich ein Termin bei meiner Suchthilfe-Beraterin ein bisschen aufgepeppelt. Ich nehme die kostenlose Hilfe der örtlichen Diakonie in Anspruch und das kann ich allen Leidensgenossen nur empfehlen. Es war bereits der fünfte Termin, jedoch erst der zweite seitdem ich wirklich den Entschluß gefasst habe aufzuhören. Für meine Beraterin sind die Schritte größer als für mich und dieses Feedback tut gut.

Ich arbeite daran die Baustellen zu enttarnen, an denen ich in Zukunft arbeiten muss. Das ist zum Teil wirklich schmerzhaft. Konzentration ist ein Thema: ich wollte es nie wahrhaben, aber meine Leistungsfähigkeit ist durch den langjährigen Konsum eingeschränkt. Ich habe schlicht nicht die Kraft acht Stunden am Stück konzentriert zu arbeiten. Selbstbewusstsein ist auch ein Thema. Ich bin groß, sportlich und relativ redegewandt – dennoch plagen mich Zweifel. Ich wünsche mir eine Partnerschaft. Doch ich merke, dass ich für eine gesunde Beziehung nicht fit und nicht leistungsfähig genug bin. Was kann ich momentan schon bieten? Wenn ich das so schreibe, sage ich zu mir selbst: sei nicht so eine traurige Heulboje. Aber so ist es momentan und ich muss abwarten und weiter arbeiten, verarbeiten und Perspektive schaffen. Kleine Schritte machen. Weiter clean bleiben.

Ich verarbeite eine Sucht und das auch wenn sie mich nicht runiert hat, ich körperlich gesund bin und mein Kopf noch „halbwegs“ funktioniert, darf ich den Ernst der Lage nicht vergessen. Es waren zehn Jahre, in denen ich mich selbst belogen habe. Eine unbequeme Wahrheit.

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11 Kommentare

  1. Wenn man bedenkt, dass viele, die Drogen nehmen, schon nach einem Tag wieder unbedingt eine neue Ladung brauchen, sind acht Wochen verdammt viel…

    1. Danke für die Teilnahme, Herr Bundesminister für Gesundheit. Feedback ist toll und ich nehme die Beleidigung als käme sie von einem guten Freund. An meinem Geburtstag bekomme ich stets ein paar Nachrichten aufs Handy. Freunde schreiben Happy Birthday, mein bester Freund schreibt: „Fuck You – you motherfuckin‘ shitface!“

      Ich habe auch in anderen Blogs Kommentare dieser Art gefunden und finde es wirklich spannend. Sollte ich einen Rückfall haben, dann aus Schwäche und nicht, weil mich ein Troll-Kommentar dazu treibt. In jedem würde ich davon berichten.

      1. M.E. solltest du wieder mal versuchen zu kiffen. Ich glaube nicht, dass du damit sofort wieder rückfällig wirst. Probier es aus.

  2. Du kannst verdammt stolz sein, so lange durchgehalten zu haben und du kannst es auch weiterhin schaffen, wenn du dafür kämpfst und der Wille stark genug ist. Dann kommt die Partnerschaft auch von allein, denn nur wenn du dich selbst so liebst und akzeptierst wie du bist (auch mit deiner Vergangenheit), kann sich eine Partnerin auf dich einlassen.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg,
    Liebe Grüße

  3. Ein großartiger Blog, in dem ich mich selbst wiedererkenne. Ich bin zehn Jahre älter als du und wünschte mir, ich wäre in deinem Alter auf diese Erkenntnisse gekommen. Aber besser jetzt, als nie.

    Ich habe schon einmal für ein Jahr aufgehört; das ist nun 3 Jahre her. Ich war glücklicher damals. Und nur, weil ich schwach war, habe ich wieder angefangen. Nun, nach ein paar unschönen Erlebnissen in den letzten 3 Jahren, habe ich es endlich verstanden. Und diesmal ziehe ich es durch. Heute ist mein erster Tag und die Nacht wird vermutlich kurz. Aber was soll’s. Das gehört dazu und ist bald vorbei.

    Halte durch. Es lohnt sich wirklich. Und wenn du schwächelst, werde ich dir die Leviten lesen! 🙂

    1. Danke für Dein Feedback. Die Erkenntnis ist wirklich der Schlüssel und es scheint, als könnte man sie nciht erzwingen. Sie kommt, wann sie eben kommt.

      Bleib stark. Die ersten Tage und Wochen fand ich sehr verwirrend. Durchgeschlafen habe ich jetzt schon echt lange nicht mehr, aber das ist okay. Die Schwitzerei geht recht schnell vorbei und die Stimmungssschwankungen finde ich mitlerweile motivierend. Für mich steht nun fest, dass die Sucht immer mit einer tieferen Problematik verknüpft ist. Fühl in Dich hinein und nimm auch die schlechte Tagen wahr. Es ist völlig in Ordnung sich mal schlecht zu fühle. Weine, vertraue Dich jemandem an und mach kleine Schritte. Ich drücke Dir alle Daumen. Ehrlich.

      Halt mich/uns auf dem Laufenden. Wir werden uns gegenseitig die Leviten lesen, wenn es nötig wird. Jeder nicht gerauchte J ist ein guter J.

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